SCHRUMPELGURKE ALS SUPERFOOD

Wäre Annis Engagement in einem Unternehmen einzuordnen, würde sie wohl Risk Managerin, Personal Officer und Acquisition Associate in ihrer Person vereinen. Doch beim Lebensmittelretten wird man eher in Gemüse bezahlt, manchmal vielleicht auch in Superfood. Wie Anni auf ihre bescheidene und liebevolle Art scheinbar unsichtbar das Lebensmittelretten in Konstanz zusammenhält, kannst du in dieser Geschichte des Gelingens erfahren.

*Da die Person nicht namentlich genannt werden möchte, wird das Pseudonym Anni verwendet. 

von Anne Klenge

 

Ein verregneter Dienstag im Sommer in Konstanz. Es ist 12:15 Uhr. Anni ist schon ein bisschen länger am Café Mondial, um die Fahrradanhänger und Kisten vorzubereiten, welche die foodsaver für die bevorstehende Abholung benötigen. Gut ausgerüstet mit Regenklamotten trudeln die anderen foodsaver langsam auf ihren Fahrädern ein und spannen die Anhänger an ihre Zweiräder. Um 12:23 Uhr kommt dann schließlich noch mit einem atemlosen: „Sorry Leute, hab mich verquatscht“ die letzte Abholerin an. Jetzt kann es losgehen.

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Vier Fahrräder und Anhänger sind mit grünen Gemüsekisten und großen Plastiktüten für den Salat ausgestattet, um auf dem Dienstag-Markt am Stephansplatz jene Lebensmittel bei den kooperierenden Ständen mitzunehmen, die die Marktbetreibenden nicht mehr verkaufen können. „Es ist Sommer, da fällt deutlich mehr an als im Winter. Gerade für Salat, da brauchen wir im Sommer schon zwei Anhänger dafür“, meint Anni. Die vierköpfige Gruppe hat eine Regenpause erwischt und Glück bei der Abholung. Sogar die Sonne schaut wieder hinter den Wolken hervor. „Wir holen bei jedem Wetter ab, egal ob Regen, Sturm oder Sonnenschein.“ Denn das Lebensmittel-Retten kennt keine Pause…

Jedes Jahr werden in Deutschland rund 12 Millionen Tonnen Lebensmittel entlang der Lebensmittelversorgungskette als Abfall entsorgt. 80 kg pro Person landen laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in Privathaushalten in der Tonne. Definitiv zu viel – vor allem, wenn man bedenkt, dass ein Großteil der Lebensmittel noch verwertbar ist, wenn sie statt im Topf in der Tonne landen. Meist ist das Wegwerfen oder Doch-noch-Verzehren eine Kopfsache, bei der man sich wieder einmal in Erinnerung rufen sollte, dass vor allem die inneren Werte zählen. Denn: „Ne kleine Macke hat doch jeder“


Um diesem Trend entgegen zu wirken, hat sich daher in Deutschland eine Bewegung gegründet, die sich gegen die Lebensmittelverschwendung einsetzt. In der Initiative „foodsharing“ schließen sich ehrenamtliche Foodsaver in vielen Städten zusammen, um gemeinsam den Lebensmitteln eine zweite Chance zu geben. So kommen beeindruckende Zahlen von 76.000 Ehrenamtlichen und ca. 2.500 Einsätzen pro Tag zusammen. 

 

„Ne kleine Macke hat doch jeder"

 

Vor gut sieben Jahren gründete sich auch in Konstanz eine foodsharing Gruppe. In 5.300 Rettungseinsätzen konnten so schon gut 100 Tonnen Lebensmittel gerettet werden. Die Lebensmittel werden zu vereinbarten Zeiten bei den Kooperationsbetrieben, wie zum Beispiel den Wochenmärkten mit Fahrradanhängern abgeholt. 


Nach der Runde über den Wochenmarkt am Stephansplatz sind die vier Anhänger gefüllt mit viel Gemüse, ein wenig Obst und einigen Backwaren. Jetzt geht’s zurück zum Café Mondial. Dort werden die Lebensmittel sortiert. Auberginen und Zucchini, Äpfel und Birnen oder Zwiebeln, Knoblauch und Ingwer werden thematisch in ihre Kisten sortiert. „Jaa, das Auge rettet ja schließlich mit. Mittlerweile sind wir auch ein eingespieltes Team und wissen, wie wir am schönsten sortieren“, lacht Anni. 


 

Im Anschluss an das Sortieren im Keller des Café Mondial bringen die foodsaver die Lebensmittel zum „Fairteiler“ im überdachten Eingangsbereich des Palmenhauses, der Geschäftsstelle des BUND Konstanz. Hier stehen sie der Öffentlichkeit kostenfrei in einem Holzschrank zur Verfügung. Jeder kann hier Lebensmittel ohne Kühlungsbedarf hinbringen und so auch die Lebensmittelrettung im eigenen Haushalt unterstützen. Durch gemeinsames Anpacken und Mithelfen kann der Fairteiler sauber gehalten werden. Lebensmittelretten muss nichts mit Bedürftigkeit zu tun haben. Vielmehr geht es darum, unsere Wegwerf- Gesellschaft in akzeptierbare Schranken zu weisen. Foodsharing handelt an der Schnittstelle zwischen Laden- und Haustür und sammelt Lebensmittel ein, die viele Kunden aufgrund äußerlicher Mängel vielleicht liegen lassen würden.

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Anni verließ vor vielen Jahren ihr Heimatland und hat mittlerweile in Konstanz eine neue Heimat gefunden. Fremdes Land, neue Sprache, Unsicherheiten, „Was mache ich hier?“. Mittlerweile in Vergessenheit geratene Fragen, die sich ins Gegenteil gewandelt haben. Foodsharing und die Ortsgruppe Konstanz fragen sich wohl eher, was sie nur ohne Anni machen würden. 1.400 von 5.300 Abholungen hat sie geleistet. Und ihr Engagement fängt erst bei den Abholungen an. Vor allem um die Betreuung derer, die bei foodsharing einsteigen möchten, kümmert sie sich intensiv und organisiert Probeabholungen. Jedem neuen Interessierten schenkt sie ihre volle Aufmerksamkeit, lernt Namen, merkt sich Studiengänge und Lieblingsgemüse und erkundigt sich stets nach dem Wohlbefinden. Ihrer Fürsorge sind keine Grenzen gesetzt. Auf ihrem Heimweg versorgt sie auch noch einige andere Familien mit frischem Obst und Gemüse von den Abholungen. 

Bei der heutigen Abholung war eine Avocado dabei, etwas Besonderes unter den geretteten Lebensmitteln. „Wer möchte die Avocado?“, fragt Anni. „Au ja lecker, die würde ich schon nehmen“, meint eine andere foodsaverin. „Aber willst du sie nicht?“ – „Nein Schatzi, alles gut, nimm sie ruhig, heute mal Superfood statt Schrumpelgurke.“ Sie stellt sich immer hinten an und lässt anderen den Vortritt. Wenn eine Person bescheiden ist, dann sie. Wo andere absagen würden, schleppt sie sich trotz Kopfweh und Regenwetter aus dem Haus, um ihrer Verantwortung bei den Abholungen nachzukommen. 


Mehrere Stunden am Tag investiert sie so in ihr Ehrenamt bei foodsharing. Befüllt die Kisten am Fairteiler-Schrank, organisiert die Probeabholungen und kümmert sich um die täglichen Problemchen. Keiner hat so gut im Kopf, wer wann und wo Lebensmittel abholt. Doch im Ehrenamt gibt es keine schicken Berufsbezeichnungen wie Risk Manager oder Personal Officer. Wenn es das doch geben würde, dann vereint Anni gleich mehrere Funktionen in einer Person. Wenn man sie fragt, ob sie Momente hatte, in denen sie das Lebensmittelretten an den Nagel hängen wollte, nickt sie. „Ja klar, solche Momente gab es: Zum Beispiel gab es eine Zeit, in der foodsharing wohl für manche wie ein Lebensmittellieferant gearbeitet hat. Die Menschen waren richtig fordernd und haben uns immer fast schon aufgelauert. Aber dafür haben wir jetzt eine Lösung gefunden. Wir sortieren die Lebensmittel jetzt immer zuerst im Keller vom Café Mondial und bringen sie zu unregelmäßigen Zeitpunkten nach oben an den Fairteiler.“ Oder auch jedes Jahr im Sommer, wenn die Studierenden der Universitätsstadt ausfliegen und die Verantwortung der Abholungen, die ja dennoch durchgeführt werden, auf weniger Schultern verteilt ist. „Lebensmittelretten macht keine Pause, da habe ich im Sommer dann schon mal mehrere Abholungen am Tag...“, meint Anni. 


„Am Ende des Tages bin ich aber stolz auf das, was wir in Konstanz gemeinsam erreichen können. Es sind kleine Beiträge zu einem großen Ganzen. Und ich habe hier meine Freunde. Foodsharing war ja noch nie Arbeit für mich, aber mit den richtigen Leuten ist es das noch weniger, selbst wenn es stürmt und schneit.“, sagt Anni mit Blick auf den Sonnenschein, der nun an Konstanz‘ Himmel immer zuversichtlicher wird. 

Wie kann ich mitmachen? 

Wer bei foodsharing einsteigen möchte, führt neben dem erfolgreichen Bestehen eines kurzen Quiz drei Probeabholungen durch, um bestens auf eigenständige Einstätze als verifizierter foodsaver vorbereitet zu sein. Also erster Schritt: Anmeldung auf foodsharing.de mit der Angabe deiner Stadt als Stammbezirk. Dann: Quiz bestehen, Probeabholungen machen, foodsaver-Ausweis erhalten, Lebensmittel retten! 

 

FACT BOX FOODSHARING KONSTANZ

(Stand 2013 - Anfang Juli 2020) 

- 5.300 Abholungen 

- 18 Kooperierende Betriebe, darunter die vier Wochenmärkte, Alnatura oder die Tafel 

- 103.359 gerettete Kilogramm Lebensmittel 

- 252 angemeldete ehrenamtliche Foodsaver 

- Fairteiler am Palmenhaus, Geschäftsstelle BUND Konstanz

 

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