SCHNELLES ESSEN? ABER NACHHALTIG!

Das Schnellrestaurant Kervan im Herzen der Altstadt auf seinem Weg zur nachhaltigen Küche...

 
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Die Charts im Radio rauschten. Mit einem geübten Dreh tauschte Musa Cebe, der Inhaber des Dönerrestaurants Kervan Whitney Houston gegen Culture Beat aus. Er dachte über die die aktuellen Charts des Jahres 1995 nach. Er wurde von dem ungeduldigen Murren eines Kunden aus seinen Gedanken gerissen. Die georderte Extra-Portion Fleisch in den Döner stopfend, reichte er dem Kunden den Kebab über die Theke und bekam dafür ein paar Mark. „Bis morgen“, sagte der Kunde.

 

Das Geld in die Kasse sortierend grübelte Musa, wie er bei so niedrigen Marktpreisen besseres Fleisch kaufen könnte. Sein Lieferant erzählte ihm einfach nicht, woher das Fleisch stammt. Eigentlich versuchte er, sich keine Gedanken mehr über die Herkunft des Fleisches und über die Tiere zu machen. Manchmal musste er aber dennoch zurückdenken, wie selten damals in seiner Familie Fleisch gegessen wurde. Musa ist Kurde. Er wurde traurig, als er über seine Lieblingskuh nachdachte, die in seiner Kindheit für eine große Feierlichkeit geschlachtet wurde. „Und heute kaufe ich das Kilo Fleisch für ein paar Mark ein; ich weiß nicht, woher es kommt, und wie das Tier gelebt hat. Wenn ich das nur ändern könnte… aber ich bin auf eine sichere Versorgung angewiesen, um mein Geschäft am Laufen zu halten. Ob das ein kleiner lokaler Lieferant überhaupt schafft? Egal, meine Einnahmen reichen sowieso nicht aus, um die Mehrkosten dadurch abzudecken“ Musa grübelte während er aus dem Fenster seines Ladens schaute. Der Kunde von eben fluchte: „Meine schönen neuen Plateau-Sneaker!“ Bei dem Versuch, die Telefonzelle während des Essens zu bedienen, ist ihm der Döner aus den Händen gerutscht. 

„Genug“, dachte sich Musa. Er wollte etwas ändern. Er erinnerte sich an den Kleinbauern aus der Umgebung, mit dem er sich ab und an über seine Tiere unterhalten hatte. Der Bauer beklagte sich fast bei jedem Gespräch über seinen Zwiespalt: Einerseits müsste er mehr Tiere halten, um bei den Großhandelspreisen davon leben zu können, andererseits hieße das auch weniger Platz und weniger Betreuung für seine Tiere. Das wollte er nicht. Wenn wir uns das nächste Mal sehen, frage ich ihn, ob wir gemeinsame Sache machen!“

Rund 20 Jahre später. Musa sitzt auf dem Schaufensterbrett neben seinem Laden.  Ein Student kämpft sich durch die lange Schlange vor dem Laden und kommt auf ihn zu…. „Wir haben telefoniert.“, sagt er unsicher. Der junge Mann interessiert sich für die Erfolgsgeschichte seines Ladens. Er will sie auf einer Website veröffentlichen.  „Ah da bist du ja.“, sagt Musa und erzählt: „Ich bin mit persönlichem Bezug zu Nahrungsmitteln aufgewachsen und habe irgendwie gemerkt, dass genau dieser Bezug den Menschen fehlt. Bei mir wurde damals viel Pflanzliches gegessen. Das war das Essen der Armen. Aber hier gab es mit der zunehmenden Globalisierung und den EU-Handelsabkommen in den 2000ern richtig billige – aber auch wenig vertrauenswürdige - Lieferanten. Dieser Trend kam auch bei den Restaurants an. Irgendwie hab ich gemerkt, dass viele Menschen - so wie ich selbst – dieser Entwicklung kritisch gegenüber stehen und eigentlich bereit sind, den wahren Preis für hochwertige kontrollierte Nahrungsmittel aus der Umgebung zu zahlen. Da haben wir 1997 unser Angebot auf viele vegetarische Speisen ausgedehnt. Die Leute fanden es gut. Und so haben wir 2015 schließlich auch viele vegane Produkte angeboten.“ Der junge Mann sagte anerkennend „Scheint ja zu laufen.“ Musa fuhr zufrieden fort: „Ja, kann man wohl sagen… Heute haben wir überwiegend Gemüse und Fleisch aus dem Bodenseekreis. Ich hab einige kleinere Lieferanten gefunden. Einer reichte schnell nicht mehr aus, um zu Spitzenzeiten die hohe Nachfrage zu decken. An manchen Tagen kommen schon so drei- bis vierhundert Döner zusammen. Aber da ich inzwischen einige Leute aus der Region kenne, hab ich eigentlich nie Probleme mit Nachschub gehabt. Versuch mal regionales biologisches Fleisch zu finden… Ist echt schwer.“ Der Student kennt den Laden durch Empfehlungen von Freunden und hat schon öfter dort gegessen. Doch erst jetzt versteht er den Wert, den dieser Laden hat: Pionierarbeit für nachhaltiges und gleichzeitig schnelles Essen. In seinem Kopf kreisten die Gedanken. Schließlich holte ihn ein stolzer Musa wieder ins Hier und Jetzt: „Gemeinsam mit der Stadtverwaltung bin ich gerade an einem Projekt, Demeter-zertifiziertes Fleisch aus der Umgebung zu verwirklichen. Damit wäre ich der erste in Deutschland mit so hochwertigem Fleisch aus der Region in meinem Laden. Man merkt richtig, wie dankbar einem die Leute dafür sind, dass man Wert auf regionale und saisonale Produkte legt. Da sind sie auch bereit, zwei drei Euro mehr zu zahlen. Und mir macht die Arbeit auch mehr Spaß, da ich einfach zu den Anbauorten und den Ställen fahren kann, um mich von den Produktionsbedingungen zu überzeugen.“ Er unterbrach seinen Gedankenfluss, da er einen Bekannten auf der Straße sah. Es gab einen freundlichen Wortwechsel zwischen den beiden. Scherzend kehrte er zu seiner Schilderung zurück: „Ich sag’s den Leuten immer wieder. Die Menschen heute sind offen für Veränderung. Es gibt so viele die etwas verbessern wollen. Man muss den Leuten nur die Möglichkeit geben, dann nutzen sie sie auch. Eigentlich war es ganz leicht. Ich musste mein Modell nur ein einziges Mal umstellen, dann lief es wieder wie von selbst.“ Der Student nickt beeindruckt und fragt, was er den Leuten mit auf den Weg geben will. Ohne zu zögern sagte Musa: „Es ist so einfach. Macht doch einfach was.“*

*Die Geschichte basiert auf einem Gespräch mit Musa Cebe. Viele kleinen Details sind fiktional und dienen der besseren Immersion. Der Kern der Geschichte ist jedoch wahr. Dazu gehört der Erfolg des Ladens, die Jahreszahlen und der Absatz. Die Gedanken und Aussagen des Protagonisten sind sinngemäß nach dem Interview verfasst worden.

 

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